Neulich auf Stromboli

Seite 42 / Süddeutsche Zeitung Nr. 20, REISE, Donnerstag, 24. Januar 2008

Neulich auf Stromboli

Auf der Spitze des Heißbergs

Wie dicke Tomatensoße mäandert der rote Fluss zäh den Abhang hinunter. Dort wo er in das tiefblaue Wasser mündet, steigt weißer Dampf empor, der wenige Sekunden lang die Sicht auf die untergehende Sonne am Horizont verdeckt. Das Zischen und Grollen verliert sich im Wind und lässt sich keiner Himmelsrichtung zuordnen. Nahezu meditativ wirkt die Szene, und ist ganz das Gegenteil: hoch explosiv. Glühend. Mal zahm wie eine Hauskatze, dann wild wie ein Tiger bestimmt Stromboli die Nähe des Menschen. Und das seit 2000 Jahren.

Im März 2007 war es aus mit der Ruhe. Der Vulkan wütete und entledigte sich Tonnen glühender Lava, die über die Sciara del Fuoco, die Feuerrutsche an der Nordwestflanke des Vulkans, ins Meer rutschen. Chaos auf der zwölf Quadratmeter großen Insel. Mit Booten und Helikoptern wurden die etwa 600 Strombolaner und Touristen in Sicherheit gebracht. Alle blieben unversehrt. Alle waren getrieben von der Angst und den Erinnerungen an das Jahr 2002, als ein gewaltiger Ausbruch sogar einen Tsunami auslöste, eine Riesenwelle, die an der 55 Kilometer entfernten Küste Siziliens als surfbare Ein-Meter-Welle an den Strand rollte.

Surfen kann Antonio, der einheimische Bergführer, nicht. Dafür ist er trittfest. Wenn sich die Urlauber am Spätnachmittag auf dem Kirchplatz von San Vincenzo sammeln, verteilen er und seine Kollegen Helme. Zwei Badelatschen-Abenteurer folgen Antonios Rat und leihen sich gebrauchte Wanderschuhe im Laden an der Ecke. Noch eine Wasserflaschenkontrolle, dann klackern die ersten Wanderstöcke über den Asphalt. Wie Kunststofffolie knirscht wenig später feine Asche bei jedem Schritt. Als die Gasse aus Schilf, Ginsterbüschen und Feigenbäumen endet, besprenkeln trockene Grasbüschel und Gesteinsbrocken sommersprossenartig die schwarze Mondlandschaft.

Nach drei Stunden Marsch verschluckt weißer Dampf die Füße der Wanderer. Schwefelgeruch tränkt die Luft und kratzt im Hals. Nur wenige Hundert Meter tiefer pocht das Herz des Vulkans. Italiener, Franzosen, Amerikaner und Deutsche in Windjacken und Mützen stehen vermummt am Rand des Kraters. Neunhundert Meter Höhe sind geschafft.

Plötzlich zerreisst ohrenbetäubendes Fauchen das Rauschen des Windes im Abendrot. Die Blicke heften sich an die dicken Nebelschwaden. Für wenige Sekunden reißt die Wolkendecke auf und gibt den Blick auf einen kegelförmigen Vulkanschlot frei. Wie aus dem Rachen eines Drachens sprüht heiße Glut hunderte Meter in die Luft und platscht zurück auf den schwarzen Boden. Vulkan hautnah. Die Funkgeräte der Bergführer für den Notfall sind eingeschaltet. Respekt vor der Natur ist das Wichtigste.

[ Das bestätigt auch Florian Becker. Seit zwei Jahren macht der erfahrene Geologe aus München als Reiseleiter sein eigenes Programm: Vesuv, Ätna und die Liparischen Inseln. Die „Feuerberge Süditaliens“ sind ein vulkanischer Rundumschlag im Schaft des italienischen Stiefels. „Unsere Touren sind nichts für Übermütige, sondern für Neugierige, die die Natur respektieren“ betont er, den Blick in die Ferne gerichtet. Stromboli, wo die Häuser wie ineinander verschachtelte und über-dimensionierte Würfel dem Vulkan zu Füßen liegen, ist Florians zweite Heimat. ]

Während einem auf der Spitze des Vulkans kalter Wind um die Beine weht, räkelt sich unten im Dorf eine Katze im kühlen Schatten eines rotgrünen Vorhangs aus Hibiskus und Bougainvillea. Neben ihr döst eine Mauereidechse unter einem Kapernbusch, dessen Äste den Fuß eines Schildes umschlingen. Der Hinweis Area di Attesa, Wartezone, und ein Pfeil Richtung des Kirchvorplatzes von San Vincenzo ist vor allem für Touristen. Einheimische wissen längst, was sie tun müssen, wenn die Sirene ertönt. Mehrmals im Jahr üben sie den Ernstfall eines Ausbruchs.

Heute gibt es trotz regelmäßiger Lavafontänen keinen Alarm. Nach einer Stunde rutschen die Stromboli-Begeisterten im Dunkeln der Nacht auf der vulkanischen Düne zurück ins Tal. Es regnet feine Asche wie Konfetti nach einem gelungenen Schauspiel. Und im Restaurant bei Pizza Stromboli, Spaghetti Napoli und einem Glas Wein ist es wieder da: Das Bild zäh fließender Tomatensoße. Nur diesmal nicht heiß glühend.

SIRIT COEPPICUS

Die Autorin Sirit Coeppicus war Teilnehmerin unserer Reise LIPARISCHE INSELN & NEAPEL im September 2006.

 

 

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