Þingvellir – Islands magischer Ort

Aktive Vulkanzone in Island (Tektonische Grenze Nordamerika / Eurasien)Seit Alfred Wegener wissen wir: die Kontinente der Erde bewegen sich. Manchmal driften sie aufeinander zu, dann kracht’s und es entstehen Gebirge wie der Himalaya oder die Alpen. Manchmal schrammen sie aneinander vorbei, dann mit heftigen Erdbeben, so wie an der San-Andreas-Verwerfung in Kalifornien. Oder sie driften voneinander weg, dann ist diese Bewegung in der Regel recht sanft und es entstehen breite Täler, im Geologensprech tektonischer Grabenbruch genannt. An solchen Störungszonen ist die dünne Erdkruste regelrecht aufgerissen und Gesteinsschmelze kann bei günstigen geologischen Verhältnissen vom Erdmantel bis zur Oberfläche aufsteigen und mächtige Vulkanketten bilden – die sogenannten mittelozeanischen Rücken. Sie sind mit über 60.000 km Länge die größten Gebirge der Erde, nur leider für uns gänzlich unsichtbar, da sie unter der Wasseroberfläche in den Ozeanen der Erde liegen.

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Der Mittelatlantische Rücken erhebt sich aus dem Atlantik

Doch ein kleiner Teil dieses Gebirgszuges befindet sich auf der (bzw. bildet die) Insel Island, die sich um mehrere Kilometer vom Grund des Atlantik bis über die Wasseroberfläche gehoben hat. Hier können wir den mittelatlantischen Rücken tatsächlich an Land sehen! Auch hier bewegen sich die, als Eurasische und Nordamerikanische Kontinentalplatte bezeichneten, Puzzlestücke der Erdkruste voneinander weg. Mit einer Geschwindigkeit von rund einem Zentimeter pro Jahr sind diese zwar nicht gerade schnell (zum Vergleich: der Ferrari unter den Erdplatten ist die Pazifische Platte, sie driftet mit atemberaubenden 10 Zentimetern pro Jahr nach Nordwesten). Aber die seit Jahrmillionen gleichbleibende Bewegung hat auf Island ihre Spuren hinterlassen: an vielen Stellen reißt die Erdkruste auf und es hat sich ein mehrere Kilometer breiter Grabenbruch gebildet.

Almannagjá - kontinentaler Grabenbruch zwischen Eurasien und Nordamerika (Þingvellir)

Wo Geschichte und Geologie zusammen treffen

Nirgends kann man das schöner sehen als in Þingvellir. Die Bruchzone verläuft hier in Nord-Süd-Richtung, der Graben ist bereits rund fünf Kilometer breit und wächst jedes Jahr um durchschnittlich zwei Zentimeter. An zahlreichen Stellen verlaufen parallele Spalten, die berühmteste unter ihnen hat sogar einen wunderbar klingenden Namen bekommen: die Almannagjá, die „Schlucht aller Männer“. An diesem Ort sind im Jahre 930 nach Christus zum ersten Mal aus allen Landesteilen der gerade neu besiedelten Insel „alle Männer“, bzw. alle als Goden bezeichneten Großbauern, zusammen gekommen. Sie haben per Mehrheitsbeschluss Gesetze erlassen und somit, mir nichts dir nichts, mitten im tiefsten Mittelalter eine bis heute bestehende (und damit die älteste noch existierende) Demokratie der Welt geschaffen. Das Alþingi (bzw. Althing) war geboren.

Die Mutter aller Schildvulkane

Von diesem geschichtsträchtig so bedeutenden Ort hat man einen wunderbaren Blick nach Norden auf den Skjaldbreiður, den „breiten Schild“. Er ist quasi die Mutter aller Schildvulkane, ein Produkt der immerwährenden vulkanischen Tätigkeit im kontinentalen Grabenbruch. Die geringe Viskosität seiner Lava ist verantwortlich dafür, dass seine Hänge sehr flach sind und der Vulkan eine enorme Grundfläche hat. Wie ein Wikinger-Schild erhebt er sich majestätisch mit seinen sanft ansteigenden Flanken in perfekter Kegelform über Þingvellir und ist fast ganzjährig mit Schnee bedeckt. Das Sahnehäubchen auf einem geologisch und historisch magischen Flecken Erde….

Der Skjaldbreiður (Breiter Schild) - Die Mutter aller Schildvulkane (Bildquelle: Wikimedia Commons)

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Florian Becker
Autor
Florian Becker, Geologe

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