Langanes

Der „Riesenhafen“ im einsamen Finnafjörður – Islands neues Großprojekt

Der Nordosten Islands ist eine der einsamsten Regionen dieser faszinierenden, wunderschönen Insel. Wer ihn bereist und ein wenig Zeit und Abenteuerlust mitbringt, der nimmt auf seinem Weg zwischen Mývatn und den Ostfjorden nicht die direkte Route über die Ringstraße, sondern fährt die endlos lange „Treibholzküsten-Straße“ Nr. 85 an zahllosen Halbinseln entlang, um tiefe Fjorde und durch verschlafene Dörfer. Was die Fahrtdauer gut und gerne um ein bis zwei Tage verlängert. Aber es ist ein Erlebnis: hier zeigt sich Island von seiner intimsten und vielleicht schönsten Seite.

Ich gebe zu: ich habe eine besondere Beziehung zu dieser Region. Sie ist vielleicht sogar meine Lieblingsgegend, am weitesten von der quirligen Hauptstadt Reykjavík entfernt. Menschenleere, weite Landschaften, melancholische Stille, Natur pur. Keine touristischen „Top-Highlights“ (mit fußballfeldgroßen Parkplätzen davor), wie man sie im Süden Islands und in jedem Island-Bildband findet. Dennoch ist hier irgendwie alles Highlight für mich. Hier finde ich das stille Island meiner Träume und Sehnsüchte, ein Island, das mancherorts durch Massentourismus und groteske Großbauprojekte, Staudämme und Aluminiumhütten, bereits verdrängt wurde.

Umwelt in Gefahr

Seit einigen Jahren gibt es nun Gedankenspiele, ausgerechnet hier, unterhalb der abgelegenen Langanes-Halbinsel, in einem der einsamsten Fjorde des Landes, einen Großhafen für Containerschiffe zu bauen. Von einem „Riesenhafen“ spricht gar die isländische Onlinezeitung Vísir. Dieser sei nötig, weil durch das klimawandelbedingte Abschmelzen des Nordpolarmeer-Eises die Nordostpassage zukünftig von Frachtschiffen befahren werden könne. Was wiederum eine zeitliche Einsparung von bis zu zwei Wochen zwischen den asiatischen Großhäfen, vor allem Shanghai, und Europa bedeutet, und dementsprechend wirtschaftlich attraktiv ist. Island wittert hier seine Chance, am westlichen Ende der neuen globalen Handelsroute der erste, unumgängliche Anlaufpunkt zu werden: Betankung der Schiffe, Verteilung der Fracht auf kleinere Schiffe, die von hier die Häfen Kontinentaleuropas und Nordamerikas anlaufen. Ein neues, international bedeutendes Handelsdrehkreuz möchte man werden. Über 6 km lange Containerterminals, Bürogebäude, eine asphaltierte Verbindungsstraße zur 100 km entfernten Ringstraße, Islands wichtigstem Landweg, eine Windkraftanlage zur Energieversorgung, riesige Treibstofftanks, evtl. ein neuer Flugplatz. Man kann sich leicht vorstellen, wie der geplante Verladehafen aussehen würde.

Der Finnafjörður vor der Langanes-Halbinsel

Der Finnafjörður vor der Langanes-Halbinsel

Wale im Finnafjörður

Eine Walschule, beobachtet von der Langanes-Halbinsel aus

Wirtschaftliche Interessen und Naturschutz – fast immer ein Widerspruch

Für die Region, eine der ärmsten Islands mit der höchsten Quote an Landflucht, wäre es ein wirtschaftlicher Segen! Von bis zu 400 neuen Jobs ist die Rede, für isländische Verhältnisse eine gigantische Prognose. Nur: hier ist die Natur noch Natur, ein sensibles Ökosystem, das wenig Veränderung verträgt. Im Finnafjörður, südlich der Halbinsel Langanes, habe ich im Frühjahr diesen Jahres Wale gesehen, einige Dutzend (!) auf einen Schlag. Es war ein faszinierendes Schauspiel, intakte Natur und eine Welt, die – wohltuend in unserer heutigen Zeit – noch „in Ordnung“ schien. Am Fjord liegen zwei einsame Bauernhöfe. Schafe prägen das Landschaftsbild, im Norden die steilen, über 700 Meter hohen Klippen des Gunnólfsvíkurfjall. Die einzige Straße, die hierher führt, ist nur in wenigen Abschnitten geteert, die Hauptstadt Reykjavík über 650 km entfernt – was eine Tagesreise bedeutet.

Und ausgerechnet hier, im Finnafjörður, soll der Hafen gebaut werden.

Geplante Lage des "Riesenhafens" (isl. "Risahöfn"), Quelle Detailkarte: Vísir (http://www.visir.is/g/2018180909435)

Geplante Lage des „Riesenhafens“ (isl. „Risahöfn“), Quelle der Detailkarte re.: Vísir (http://www.visir.is/g/2018180909435)

Investitionen und Arbeitsplätze – das alles erschlagende Argument

Die Gemeinden Langanesbyggð und Vopnafjarðarhreppur, die gemeinsam die Planung des Hafens vorantreiben, reiben sich schon die Hände. Sie haben mit der deutschen „Bremenports Hafenmanagementgesellschaft“ einen finanzkräftigen Investor gefunden, der bereit ist, das Großprojekt zu realisieren. Auch eine der weltgrößten Reedereien, die chinesische „Cosco“, hat schon Interesse am Hafen signalisiert und ihre Vertreter für Verhandlungen nach Island geschickt. Eine neu gegründete Aktiengesellschaft soll sich um die Entwicklung und das Management der Großbaustelle und danach um den fertigen Hafen kümmern. Erste Vorerkundungen und Machbarkeitsstudien wurden ab 2007 in Auftrag gegeben, doch nun wird das Ganze konkret. In den nächsten Wochen sollen detaillierte Pläne zur Prüfung vorgelegt werden, schon 2020 könnte mit dem Bau begonnen werden und nach zwei Jahren der Hafen fertig sein. In der Bevölkerung regt sich nur wenig Widerstand, zu verlockend sind die Aussichten auf eine wirtschaftlich rosige Zukunft. Die Proteste der Naturschützer, wie so oft in der Minderheit, finden kaum Gehör.

Der wirtschaftliche Quantensprung für die Region wäre natürlich ein Albtraum für die empfindliche Natur. Schweröl verbrennende Schiffsmotoren, der Unterwasserlärm, in Wassertanks eingeschleppte, fremde Pflanzen- und Tierarten, ganz zu schweigen von möglichen Unfällen oder sogar Havarien. Wale würden sich in diesen Gewässern zukünftig wohl nicht mehr blicken lassen, Fischschwärme abwandern, nach den Fischen die in den Klippen brütenden Seevögel. Und es gibt wenig Hoffnung: vergleichbare „Grundsatzentscheidungen“ wurden in Islands jüngerer Vergangenheit fast immer zu Ungunsten der Natur gefällt. Bisher war es meist die konkurrenzlos billige Energie durch Wasserkraft und Erdwärme, die industrielle Großprojekte wie neue Aluminiumwerke nach Island gelockt hat. Nun ist es die strategisch günstige Lage auf einer sich verändernden Weltkarte. Mal wieder hätte die Natur das Nachsehen. Und wieder droht ein Teil des „alten Islands“ für immer verloren zu gehen – das Island der Landschaften, der unberührten, wunderschönen Natur und der noch (relativ) intakten Umwelt, für die das Land in aller Welt bewundert und geliebt wird.

Weiterführende Links

EFLA: „The Finnafjord Harbour Project”
» https://www.efla.is/media/utgefid-efni/finnajord_bkl_juni_13.pdf (PDF englisch)

Bremenport: „Finnafjord Port Project“
» https://bremenports.de/finnafjord/ (englisch)

25.9.2018 – ARD-Tagesthemen: Zusammenfassung der Hafenpläne
» https://www.ardmediathek.de/tv/Tagesthemen/tagesthemen/Das-Erste/Video?bcastId=3914&documentId=56371292 (ab Minute 24:45)

5.9.2018 – Vísir: „Riesenhafen im Finnafjörður“
» http://www.visir.is/g/2018180909435 (isländisch)

3.2.2017 – Icelandreview: „Germany Gives Harbor Project Green Light“
» http://icelandreview.com/news/2017/02/03/germany-gives-harbor-project-green-light (englisch)

28.8.2013 – Icelandreview: “International Port to be Built in North Iceland?”
» http://icelandreview.com/news/2013/08/28/international-port-be-built-north-iceland (englisch)

Florian Becker
Autor
Florian Becker, Geologe
  1. Timo

    Interessanter Artikel der nicht nur das touristische betrachtet sondern auch mal einen kritischen Blick auf das ganze wirft.

  2. Torsten Jäger

    Ein sehr interessanter und zugleich bedrückender Artikel. Auch ich bin fasziniert von der unberührten und weiten Natur Islands. Denn ich bin im Naturschutz aktiv und weiß auch von den Staudammprojekten, die einmalige Landschaften für immer zerstören. Mit diesem Thema habe ich mich bereits intensiv durch Recherchen für meinen Krimi „Unser aller Erbe“ beschäftigt. In ihm thematisiere ich den geplanten Bau eines Staudamms und zugleich den Flächenfraß, der nicht „nur“ in Island immer mehr einmalige Natur vernichtet. Es bleibt zu hoffen, dass die Menschen rechtzeitig erkennen, welche Schätze dieser Erde sie kurzfristigen Gewinninteressen opfern.

  3. Florian Becker
    Florian Becker

    Hallo Torsten.
    Vielen Dank für deinen Kommentar. Das mit deinem Krimi klingt sehr interessant. Bin neugierig und habe ihn mir gleich bestellt 🙂
    Mit dem Staudammprojekt spielst du vermutlich auf das Kárahnjúkar-Kraftwerk im östlichen Hochland an?
    Ich habe mich außerdem mal auf deiner Website umgesehen. Toll! Kann ich jedem nur empfehlen: https://gruenschreiber.wordpress.com/
    Beste Grüße. Florian

  4. Torsten Jäger

    Hallo Florian, das ist ja klasse – da wünsche ich Dir spannende Unterhaltung und hoffe, Dir gefällt mein Krimi. 🙂 Also ich habe allgemein die Problematik mit den Staudämmen und Wasserkraftwerken aufgegriffen, da ich diese Entwicklung zuvor in verschiedenen Artikeln im GEO-Magazin oder auch in TV-Dokus verfolgt hatte.
    Es freut mich auch sehr, dass Dir der Grünschreiber-Blog gefällt.
    Viele Grüße Torsten

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